Haare
Haare :: Projekt
Haare ist eine filmische Gedankenkette, nicht augenscheinlich assoziativ. Sie wird zu einer minimalen Toncollage, bestehend aus Geräuschen und teils dissonanter (schmerzender) Musik geschnitten.
Die Gedankenkette verdichtet sich während des Arbeitsprozesses. Ein ständiges Fordern von Ergänzungen und Assoziationen. Diese Kette an Bildern und Gedanken wird laufend ergänzt und verändert.
Haare :: zum Thema
Das Haar galt gewöhnlich als Träger oder zumindest Sitz eines Teils der Seele. Das zeigte sich unter anderem an seiner Wichtigkeit für Zaubersprüche oder dem Austausch von Glücksbringern zwischen Verliebten. In der griechischen, ägyptischen, und römischen Mythologie, in vielen Religionen, spirituellen Gruppen und Volksbräuchen werden dem Haar eigene Gottheiten und große Kraft zugesprochen. (≥Haar der Berenike„, Kirkes Flechten, verschiedene Varianten der Todesgöttinnen z.B. Medusa [manchmal auch mit Schlangenhaupt], Isis Haar für Osiris, u.v.a.m.)
Das Haar der Sonnengötter symbolisierte sowohl die ≥Sonnenstrahlen„ als auch die Zeugungskraft. (Apollons Goldlocke, Samson, Shiva, Sikh) Einem Sonnengott das Haar zu schneiden, wie es z.B. Samson geschah, hatte die Bedeutung einer rituellen Kastration.
Sadduzäer, Sadhakas, und Nazarener waren an ungeschnittenen Haaren zu erkennen. Ihre Tradition lebt in den langen Ohrenlocken der orthodoxen Juden fort. Das orientalische Gesetz des heiligen Eremiten, ≥Er ist heilig, er muss sein Haar ganz frei wachsen lassen„ findet sich in der Bibel wieder. Die Christen dagegen hielten einen langhaarigen Mann für unehrenhaft.
Dank Hippokrates blieb der mythische Zusammenhang von Kahlköpfigkeit und sexueller Potenz bis heute im allgemeinen Bewusstsein erhalten. (Er litt angeblich an Haarausfall). Ein anderer langlebiger Mythos behauptete, dass sich das Haar einer Hexe unter Wasser in eine Schlange verwandelte, insbesondere dann, wenn es der Hexe während der Menstruation ausgerissen wird.
Inder glauben noch heute, dass das Verhüllen des Kopfes, selbst wenn der Rest des Körpers praktisch nackt ist, seine vitale Energie schützt, deshalb auch der Turban.
Im Altertum besaßen Frauen ohne langes Haar keine Zauberkraft, weswegen Frauen mit abgeschnittenem Haar als ungefährlich galten. Aus diesem Grund wurden christliche Nonnen und jüdische Ehefrauen gezwungen ihre Köpfe zu scheren. Die Inquisitoren der mittelalterlichen Kirche bestanden darauf das Haar angeklagter Hexen abzuschneiden, bevor sie der Folter übergeben wurden. Nach Ansicht der Kleriker versicherte Satan seinen Diener(innen), dass ihnen kein Schaden zugefügt werden könne ≥solange sie das Haar behielten„. Einige Inquisitoren gingen soweit, auch das Körperhaar rasieren zu lassen. Widersinniger Weise verboten die Kleriker den Frauen aber, ihr Haar selbst zu schneiden. Das war eines der Hauptverbrechen, für das Jeanne d´Arc zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Der Anklagepunkt lautete: ≥diese Frau ist eine Abtrünnige, weil sie ihr Haar, das ihr als Schleier von Gott gegeben wurde, vor der Zeit abschnitt„.
In Kriegszeiten galt das geschorene Haar als ehrlos. Frauen, die sich mit dem Feind einließen, wurden öffentlich die Haare geschoren.
Das Haar ist universell mit Bräuchen verknüpft. Heute sind wir uns der Bräuche oft nicht mehr bewusst. Selbstverständlich steht z.B. das Rasieren der Körperhaare heute in einem anderen Kontext. Aber wir tun es doch.....
Die Frauen, die sich in ihren Badezimmern oder in Kosmetikinstituten beim Epilieren und Harzen quälen, wollen sich und Anderen gefallen, weil es ihnen gut tut. Es passiert ohne jeglicher Zeremonie, - einfach nebenbei. Die Ähnlichkeiten zu auferlegten Ritualen aus Altertum und Mittelalter bleiben bestehen, der Kontext ist ein anderer. Heute wie damals gehört das Pflegen, Schneiden, Epilieren und Enthaaren von Körperhaaren zu unserem Brauchtum. Nicht aus Tradition, nicht aus Religion ,- sondern weil es eben gebräuchlich ist. Die Lust am (sich) Gefallen, die Sucht am (sich) Gefallen prägt unsere Zeit und unsere Bräuche, deren wir uns in der schnelllebigen Hast nicht mehr bewusst sind.
Nur weil wir es alle tun, und zumeist tun wollen, wird es nicht weniger brutal, erwähnenswert oder auch nicht weniger absurd. Versteckter Schmerz als ein Teil einer verdeckten Kultur.
Genau wie die Schmerzen beim Enthaaren akzeptiert werden, akzeptieren und forcieren wir auch das Verstecken, Verdecken und den Schein. Haare werden unter Perücken oder Schleiern verdeckt. In vielen Kulturgruppen müssen Frauen ihre Haare verstecken, weil sie als ≥unrein„ gelten und/oder weil sie ≥verlocken„. In anderen Kulturgruppen wieder ist das tragen von Perücken einfach nur trendy, hip und lustig. Die wahre Haarfarbe wird kaum mehr preisgegeben, die Haare sind gefärbt ˆ oft weis man seine echte Haarfarbe selbst nicht mehr. Täuschen und getäuscht werden wollen.
≥HAARE„ ist kein reines Frauenthema. Nicht nur, weil Männer unter anderem das unbehaarte Frauenbein bevorzugen. Männer nehmen Medikamente um den Haarausfall entgegenzuwirken. Sie legen die wenigen Haare am Kopf von links nach rechts und bestehen auf dünnen Rossschwänzen. Sie frisieren ihre Augenbrauen, entfernen ihre Nasen- und Ohrenhaare. Rasieren das Gesicht, manchmal auch die Körperhaare. Ihre ≥Rituale„ sind genauso versteckt, genauso beiläufig. Sie sind mit weniger Schmerz verbunden, vielleicht aber mit mehr Sehnsucht und Neid. (siehe auch viele Bräuche und Aberglauben, die Männer aus Angst vor dem vollen Frauenhaar [dem sie besondere Kraft zusprachen] entstehen ließen)
≥HAARE„ informiert nicht. ≥Haare„ assoziiert. Es ist eine kurze Gedankenkette aus dem versteckten ≥Nebenbei„ des Lebens.
Vor der Kamera:
Ulli Bolek
Susanne Wunderl
Dave Moskin
Akuma Charity
Dulchi Jan
Daniela Skala
Bela Eckermann
Cordula Werner
Puppe Denk
Karin Siegler
Jesus von Nazareth
Skipper
Make up und Frisuren:
Daniela Skala
Monika Fischer Vorauer
Animation:
Michael Haderer
Kamera:
Harald Staudach
Robert Dorner
Birgitt Gudjonsdottir
Schnitt:
Cordula Werner
sound/noises:
Walter Cikan
Eddie Siblik
Musik:
Uli Drechsler
Speziellen Dank an:
Synchro Video, Alexander Wieser
ein Film von:
Dagmar Streicher
Sequenzgefördert vom BKA:Kunst
Open Cinema im Blumberg
4. Juni, 20.15
zurück zum Open Cinema Programm
|